
Es ist vier Uhr nachts. Zwischen dreckigen Pinseln und offenen Farbtuben sitze ich mitten in meinem Zimmer und schreibe Gedanken auf, die ich sonst für mich behalte.
Nach langer Zeit hat mich wieder die Motivation gepackt, Kreatives zu erschaffen oder zumindest damit zu experimentieren. Dieses Mal will ich mich von meinem Hang zum Perfektionismus befreien.
Oft lande ich in einer endlosen Gedankenspirale. Ich will kreieren, doch am Ende fühlt es sich unauthentisch an, fast fake. Es scheint, als gäbe es ohnehin schon alles, und nichts von dem, was ich mache, fühlt sich wirklich innovativ oder spannend an. Also lasse ich es meistens ganz. Wo ist der Cut zwischen Inspirieren und Kopieren? Schlussendlich denke ich, alles schon einmal irgendwo gesehen zu haben.
Deshalb habe ich dieses Mal mit einem anderen Ansatz gestartet. Bei diesen Bildern wollte ich mich gar nicht von solchen Gedanken beeinflussen lassen, sondern von allem wegkommen, worin ich mich wohl und sicher fühle, aber schlussendlich nicht mit dem Resultat zufrieden bin. In anderen Worten: Ich will meine Comfort Zone verlassen.
Ich bin es gewohnt, im kleinen Format zu malen, exakt, kontrolliert und realistisch. Dieses Mal startete ich mit den grössten Leinwänden, die ich in meinem Zimmer finden konnte. Ich wollte mit Materialien und Medien wie Texturpaste, Acrylfarben, Ölfarben, Pastellkreiden, Farbstiften, Markern, Chrome-Spray und allem, was grad so rumlag, experimentieren, kombinieren und mich treiben lassen. Eine andere Herausforderung für mich ist das Zeichnen von Portraits. Um mir den Druck zu nehmen, arbeitete ich mit wilden Farben, groben Linien und fokussierte mich auf die gesamte Wirkung statt auf Details.
Ich merkte schnell, so ganz ohne Inspiration wird das doch schwieriger als gedacht. Also blieben die Leinwände vorerst weiss. In den nächsten Tagen suchte ich im Alltag nach Inspiration, egal, ob in der Lampe, die wie ein Sonnenuntergang an die Wand schien, oder in den gefrorenen Himbeeren, die in meinem Joghurt auftauten und in organische rosarote Muster verschmolzen.
Auch wenn in diesen Alltagsdingen nicht viel Tiefe steckt, entdeckt man, wenn man darauf achtet, dass alles zur Leinwand werden kann, egal ob Wand oder Joghurt.
Meine grösste Challenge war es, mich nicht im Detail zu verlieren. Ich wollte grob und abstrakt bleiben, doch irgendetwas in mir hielt mich davon ab, ganz loszulassen und den Pinselstrichen ihren freien Lauf zu lassen. Aber es war ein Anfang.

Schon mein Leben lang spielt Kreativität eine grosse Rolle. Es war immer „mein Ding“.
Während und nach der Schulzeit habe ich in meiner Freizeit längere Zeit gebabysittet. Ich war in vielen unterschiedlichen Familien unterwegs, mit verschiedenen Eltern, Kulturen und Erziehungsstilen. Trotzdem verband alle Kinder etwas: ihre ungezähmte Kreativität.
Jedes Kind wird mit ihr geboren. Ob sie gefördert oder unterdrückt wird, entscheidet die Umgebung. Das erste Mal wurde ich in der 1. Klasse mit diesem Thema konfrontiert und mir wurde bewusst, dass Kreativität nicht immer willkommen ist. Bei einem BG-Projekt widersetzte ich mich der Vorstellung meiner Lehrerin. Es folgte ein Elterngespräch, und ich lernte früh, dass eigene Ideen und kreatives Denken nicht immer erwünscht sind. Wie viele andere wurde auch ich durch gesellschaftliche Normen geprägt und verlor einen Teil davon – und damit wohl auch einen Teil von mir.
Mein Ziel ist es, dieses innere Kind wiederzufinden und alles neu zu entdecken, was ich auf meinem Weg verloren habe.
Ich besuchte nach der obligatorischen Schule den Vorkurs Kunst und Design. Diese Welt kam wie ein Rettungsanker nach meinen letzten Jahren in der Oberstufe, die der pure Horror waren.
Die Lehrpersonen begegneten den Schüler:innen auf Augenhöhe. Klassische Schulfächer wie Math, Französisch und Deutsch fielen weg. Diversität wurde geschätzt und gefördert. Ich fühlte mich, als könnte ich nach langer Zeit endlich wieder aufatmen.
Doch auch hier empfand ich einiges als problematisch, wie das Benotungssystem. Kunst ist schwer neutral messbar. Vergleiche untereinander waren ein grosses Thema. Wenn ich links und rechts schaute, sah ich spannende, talentierte Individuen mit einer unglaublich ausgeprägten Kreativität, die teilweise bereits ihren eigenen kuratierten Stil gefunden hatten, während ich noch voll in der Findungsphase steckte.
Im Nachhinein betrachtet ist das aber völlig okay. Jeder geht seinen eigenen Weg. Es gibt keine Regeln. Jede Person geht in ihrem eigenen Tempo, macht eigene Erfahrungen und bildet Meinungen, die einen als Mensch ausmachen.
Wenn ich an dieses Jahr zurückdenke, bin ich dankbar, dieses Privileg gehabt zu haben. Für all die Erfahrungen, für alles, was ich über mich und die Welt gelernt habe, und für die verschiedenen Personen, die ich kennenlernen durfte.
Mit diesem Post möchte ich einen neuen Startpunkt setzen und mich wieder mit meiner Kunst versöhnen. Nach der Kunstschule hat sich bei mir eine gewisse Abneigung entwickelt, die ich hinter mir lassen möchte. Ich möchte in einigen Monaten, vielleicht Jahren, zurückblicken, Entwicklung, Selbstfindung und Zufriedenheit sehen und mir Schritt für Schritt wieder Sicherheit in meiner Gestaltung erarbeiten.