Alma
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Der Weg zum Weg

July 8, 2026

Kennt ihr das, wenn man am Anfang eines Projekts aus Erfahrung direkt eine Vision im Kopf hat, wie es ablaufen wird? Der «Weg» und die Arbeitsschritte dorthin fühlen sich greifbar an, als ob das Hirn auf Autopilot schaltet.

Durch die Leitung von Graziella, einer Grafikerin, habe ich neue Ansätze angewendet und gelernt, dass es positiv sein kann, wenn sich das Ziel während des Prozesses verändert. Oder durch den Prozess das Ziel. Das geht wahrscheinlich nur, wenn kein erwartungsvoller, zahlender Kunde dahintersteht – war hier ja nicht der Fall. Die Motivation lag im Lernen, Experimentieren, Entdecken. Und darin, ein Stückchen mehr vom 3. OG vollzutapezieren.

Aber von vorne …

Grafikdesign fasziniert mich schon länger. Im Effinger habe ich das Glück, von Personen zu lernen, die diese Berufung beherrschen. Letztens war ich bei Graziella im Atelier und fragte sie, ob es ein Projekt gibt, das ich ihr abnehmen könnte, um sie zu entlasten und gleichzeitig dabei zu lernen. Gerade gab es nichts – also hat sie mir kurzerhand einen fiktiven Auftrag gegeben. Weil ich mich aktuell für Typografie interessiere, wurde es ein Typo-Plakat, das wir danach im 3. OG aufhängen können.

Die Aufgabenstellung:

Das Wort

Meine Sammlung: Raum, Platz, Wachsen, Getrauen, Mut, Risikofreude, Weg.

Geworden ist es «Weg». Kurz, Raum für Interpretation, passt gut zu YOLU – und wie sich herausstellte, passt es auch zum Projekt selbst. Ausserdem ist es zweideutig – lässt also noch mehr Raum zum Spielen.

Die Idee habe ich in Form einer kurzen Präsi dem Team gepitcht.

Mini-Learning und Tipp: In Figma kann man recht einfach coole Präsentationen machen – mit mehr gestalterischen Freiheiten als in PowerPoint. Ausserdem kommt man mit der Free-Version ziemlich weit.

Die Auslegeordnung

Mein erster Gedanke war, zum Wort zu recherchieren, danach Entwürfe anzufertigen und diese dann zu digitalisieren und mit Farbe auszuarbeiten.

Graziellas Vorgehensweise war jedoch eine andere: Statt am Bildschirm zu starten, sollte ich «Weg» in drei Schriftklassen ausdrucken: Sans Serif (Helvetica), Serif (Baskerville) und Slab Serif (Rockwell), alles auf A3 gedruckt. Die Buchstaben habe ich ausgeschnitten, verschoben und neu kombiniert – durch das Hin- und Herschieben entstanden verschiedene Anordnungen und Spannungen. Mit Papier habe ich einfache Rahmen gesetzt.

Dabei habe ich gemerkt: Mit den Händen entscheidet man anders als am Bildschirm. Bewusster – und es passieren Zufälle, die ich digital nie provoziert hätte.

Irgendwann kam mir die Idee, den Scanner zweckzuentfremden und ihm eine kreative Auszeit von seinem eher ein- (oder doppel-) seitigen Druckerleben zu geben, und ich begann zu experimentieren: Ich habe die ausgeschnittenen Buchstaben während des Scannens mehr oder weniger zufällig auf dem Glas bewegt und geschaut, was dabei entsteht. Eva hat mir dabei geholfen, und durch vereinte Ideen kamen ein paar coole Resultate raus.

Aus (zu) vielen Entwürfen wählte ich drei Favoriten aus. Beim nächsten Treffen mit Graziella habe ich begründet, warum genau die mich ansprechen, um diesen Faktor dann zu maximieren. Diese habe ich so bearbeitet, dass aus den Fotografien klare, homogene Flächen ohne Schatten oder Ränder entstehen.

Den Zwischenstand habe ich am Kunstzmittag vorgestellt. Die Feedbackrunde war sehr aufschlussreich und half mir, die Plakate zu finalisieren.

Am Ende fiel die Wahl auf zwei Entwürfe der analogen Auslegeordnung und ein Scan-Experiment. Bei dem habe ich die einzelnen, verzerrten Buchstaben neu und bewusster angeordnet – es war also schlussendlich eine Kombo aus Zufällen und Entscheidungen. Beim zweiten verschwinden die Buchstaben fast aus dem Bild. Und beim dritten bleiben nur die Negativräume übrig, die beim Ausschneiden der Buchstaben entstanden sind.

Nach Absprache mit Graziella habe ich die Dateien für den Druck aufbereitet. Kurz darauf ging es – von ihr begleitet – ins Kulturbüro, um die Poster im A2-Format zu drucken. Für Grossformate nutzt man dafür einen Plotter (ein Drucker, der auf Papierrollen statt einzelne Blätter druckt und so auch richtig grosse Formate schafft).

Und als letzten Schritt dieses Projekts und um es abzuschliessen habe ich mit Hilfe von Joris die Poster wie geplant im 3. OG aufgehängt:

Struktur finden, Transparenz schaffen

Ein Learning aus diesem Projekt ist, wie wertvoll und für alle hilfreich es sein kann, transparent zu kommunizieren, wo Schwierigkeiten liegen. In meinem Fall sind das Deadlines einhalten und Vergesslichkeit. Durch regelmässige Catch-ups mit Graziella blieb ich nicht hängen. Seit einigen Monaten habe ich eine ADS-Diagnose. Die Diagnose verändert zwar nichts an meiner Art und meinem Wesen, aber sie hilft mir, damit umzugehen und Strategien zu entwickeln.

Rückblick

Wenn ich die Aufgabenstellung rückblickend lese, merke ich: Vielleicht wurden – wenn überhaupt – nur drei der anfangs definierten Kriterien erfüllt. Trotzdem habe ich aus dem Projekt mehr mitgenommen als aus manchem, das nach (meinem) Plan lief. Der Weg zum Weg war also das eigentliche Ziel.


Handlungskompetenzen in diesem Projekt: b1 Gestaltungsentwürfe entwickeln (Auslegeordnung, Varianten) · b2 Grafische Elemente gestalten (Kompositionen, Rahmen) · f2 Projektplanung (Schritte, Deadlines, Zeitbudgets) · f3 Fortschritt überprüfen (Catch-ups, Zwischenstände, Kunstzmittag)